Warum ich danach arbeite.

„Ich muss nicht allen meinen Gedanken glauben.“

 Als ich diesen Satz zum ersten Mal gehört habe, hat etwas in mir aufgeatmet.
Und der zweite Gedanke, der direkt dahinter sitzt:

“Raus aus dem Widerstand. Rein in die Akzeptanz.”

Das bedeutet nicht zu resignieren sondern anzunehmen was ist, und dann zu handeln.

Das waren die zwei Ideen, die mich schon immer begleitet haben. Durch Ausbildungen, durch Führungsjahre, durch viele Gespräche und noch mehr Bücher. Mir ging es immer um Leichtigkeit. Nicht darum, dass alles einfach ist sondern darum, dass eine grundlegende Leichtigkeit da ist. Dass man nicht gegen sich selbst und die Welt kämpft.

Eines Abends habe ich mit Claude philosophiert. Mit der KI. Ja, wirklich. Auf der Couch. 😄

Wir haben über Gedanken gesprochen, über Muster, über Akzeptanz und Handlungen und irgendwann hat Claude einen Begriff eingeworfen: ACT. Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Ich habe mir das erklären lassen und beim Lesen wurde ich immer aufgeregter. Denn da war auf einmal ein Rahmen da für alles, was ich schon immer gespürt und gelebt hatte. Ein Name. Eine Methode. Wissenschaftlich fundiert, alltagstauglich und haargenau das, was ich weitergeben möchte.
Ich habe immer nach diesen Prinzipien gearbeitet. Jetzt hat das auch einen offiziellen Titel.

Also: Was ist ACT eigentlich?

ACT steht für Acceptance and Commitment Therapy. Auf Deutsch: Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Entwickelt vom amerikanischen Psychologen Steven Hayes in den 1980ern. Wissenschaftlich fundiert, in Hunderten Studien untersucht, und inzwischen eine der am besten belegten Methoden in der modernen Psychologie. Aber – und das ist mir wichtig zu sagen – du musst keine Therapie machen, um davon zu profitieren. Die Prinzipien von ACT sind alltagstauglich. Sie helfen in Führungssituationen, in persönlichen Krisen, bei Erschöpfung, bei Entscheidungslähmung, bei dem Gefühl, nie gut genug zu sein.
Kurz gesagt: ACT ist für Menschen mit einem Gehirn, das manchmal zu laut ist.
Also für uns alle.

ACT sagt nicht: Denk positiv. ACT sagt: Dein Kopf darf laut sein. Du musst ihm nur nicht alles glauben.

Das Kernprinzip und warum es alles verändert

Die meisten Ansätze in der Psychologie – und auch die meisten gut gemeinten Ratschläge im Alltag – gehen davon aus, dass schwierige Gedanken und Gefühle das Problem sind. Und dass man sie loswerden muss, um gut zu funktionieren. ACT sagt: Das stimmt nicht. Und der Versuch, sie loszuwerden, macht es meistens schlimmer. (Das nennt sich Ironic Process Theory und erklärt, warum du gerade an die rosa Elefantin denkst, obwohl ich gebeten habe, das nicht zu tun.) Was ACT stattdessen vorschlägt: eine andere Beziehung zu diesen Gedanken zu entwickeln. Nicht kämpfen, nicht verdrängen, nicht ersetzen sondern beobachten. Mit etwas Distanz. Mit etwas Humor, wenn möglich.

Der Gedanke 'Ich bin nicht gut genug' verschwindet nicht, aber er wird zu einem Gedanken statt zur Wahrheit über dich.

Und genau das – dieser Schritt von 'Ich bin nicht gut genug' zu 'Ich bemerke, dass ich den Gedanken habe, dass ich nicht gut genug bin' – ist der Anfang von Leichtigkeit. Echte Leichtigkeit. Nicht die aufgesetzte.

Die drei Dinge, die ACT wirklich ausmachen

1. Akzeptanz – und die hat nichts mit Aufgeben zu tun.
Akzeptanz bedeutet im ACT-Sinne nicht: Ich finde das gut. Es bedeutet: Ich lasse es da sein, ohne dagegen anzukämpfen. Eine schwierige Situation kommt und ich nehme sie an, wie sie ist, anstatt meine Energie damit zu vergeuden, sie wegzuwünschen. Und von dort aus handle ich. Das ist der Unterschied zwischen Widerstand und Beweglichkeit. Widerstand erschöpft. Akzeptanz – die echte, nicht die resignierte – befreit Energie für das, was wirklich zählt.

2. Kognitive Defusion – der Abstand zwischen dir und deinen Gedanken.
Kognitive Fusion bedeutet: Wir verschmelzen mit unseren Gedanken, als wären sie die Realität. 'Ich bin nicht gut genug' wird nicht als Gedanke erlebt, sondern als Tatsache. Defusion ist der Schritt zurück. 'Ich bemerke, dass ich den Gedanken habe, dass ich nicht gut genug bin.' Klingt sperrig? Ist es ein bisschen. Wirkt trotzdem. Weil dieser eine Satz aus einer Tatsache eine Beobachtung macht. Und aus einer Beobachtung heraus kann man wählen. 

3. Wertegeleitetetes Handeln – das eigentliche Ziel.
ACT fragt nicht: Wie kann ich aufhören, schlechte Gedanken zu haben? ACT fragt: Was ist mir wirklich wichtig? Und handle ich danach. Das Commitment – das Bekenntnis, nach den eigenen Werten zu handeln – ist der Teil, der Leichtigkeit und Tiefe gleichzeitig ermöglicht. Ich muss nicht perfekt sein, ich muss nicht alle Zweifel loswerden. Ich muss nur wissen, was mir wichtig ist. Und dann handeln.

Raus aus dem Widerstand, rein in die Akzeptanz und dann: handeln. Nicht gegen das, was ist. Sondern mit dem, was ist.

Warum das für Frauen in Führungsrollen so relevant ist

In meiner Arbeit begegnet mir ein Muster, das ich in fast jeder Form kenne: Frauen in Führungsrollen, die gegen sich selbst kämpfen. Gegen Zweifel, gegen den inneren Kritiker, gegen das Gefühl, nie ganz anzukommen. Das erschöpft. Nicht die Arbeit selbst sondern der Widerstand dagegen. Und genau da setzt ACT an. Nicht mit dem Versprechen, dass die Zweifel verschwinden. Sondern mit dem Werkzeug, ihnen weniger Macht zu geben. Sodass man führen kann, entscheiden kann, sichtbar sein kann, auch wenn der Kopf gerade Einwände hat.

Das ist die Leichtigkeit, von der ich spreche. Nicht das Fehlen von Schwierigkeiten. Sondern die Fähigkeit, trotz ihnen in Bewegung zu bleiben.

Was das fuer dich bedeutet – ganz konkret

Du brauchst keinen Therapieplatz, um mit ACT anzufangen. Du brauchst nur einen Moment der Bereitschaft, hinzuschauen. Der einfachste Einstieg, den ich kenne, ist dieser eine Satz: „Ich bemerke, dass ich den Gedanken habe, dass...“. Und schau, was passiert. Meistens passiert nämlich ein kleiner innerer Abstand. Ein leises Aufatmen. Das Gefühl, dass der Gedanke immer noch da ist, aber nicht mehr ganz so groß. Das ist kein Wunder. Das ist Neurologie. Und etwas Übung. Und der Anfang von echter Leichtigkeit.

Und wenn du mehr wissen möchtest

Für alle, die jetzt neugierig sind, hier sind meine ehrlichen Empfehlungen:
Russ Harris: 'The Happiness Trap' (auf Deutsch: 'Wer dem Glück hinterherläuft, läuft daran vorbei'). Das zugänglichste ACT-Buch, das ich kenne. Keine Fachsprache, viele Beispiele, sofort anwendbar.
Steven Hayes: 'A Liberated Mind' (auf Deutsch: 'Zu dir selbst finden'). Das persönlichere der beiden – Hayes erzählt, wie er ACT entwickelt hat, auch aus eigener Not heraus. Berührend und erhellend.

Und wenn du ACT lieber erfahren als lesen möchtest: ich bin da für dich. 🌿

In allen meinen Blogartikeln tauchen ACT-Prinzipien auf – manchmal explizit, manchmal im Hintergrund. Jetzt weisst du, warum. Und falls du dich jemals gefragt hast, warum ich nie sage 'Denk einfach positiv' – jetzt weisst du auch das.

💬  Hast du eine Frage zu ACT oder ein Thema, bei dem du dir wünschst, dass ein Werkzeug existiert? Schreib mir.

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Warum dein Gehirn dich anlügt (und du es glaubst)

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Meine Geschichte - 26 Jahre. Ein Konzern. Und dann das.