Sichtbarkeit?!
Lesedauer ca 10 MinutenEs gibt eine Szene, die du sicher auch schon kennst: Du sitzt am Abend am Küchentisch, Laptop noch offen, die Stellenausschreibung auf dem Bildschirm. Du hast sie heute schon dreimal gelesen. Du kannst sie auswendig. Du gehst die Anforderungen durch, Punkt für Punkt, und bei zwei von zehn denkst du: Das kann ich nicht so richtig. Du klappst den Laptop zu. Morgen, denkst du. Morgen schau ich nochmal drüber.
Morgen kommt. Die Ausschreibung auch noch. Aber du bewirbst dich nicht.
Das hin- und hergerissensein zwischen dem Wunsch, den nächsten Schritt zu gehen, und der tief verwurzelten Scheu davor, sich dafür sichtbar zu machen. Was liegt dahinter? Fast immer ein Gedanke. Meistens einer, den wir schon sehr lange kennen. Sichtbarkeit ist nicht dasselbe wie laut sein.
Ich höre oft: „Ich bin einfach nicht der Typ, der sich nach vorne drängt." Als wäre der nächste Schritt eine Frage des Temperaments. Das stimmt nicht. Sichtbarkeit bedeutet: Du stehst zu dem, was du willst. Du sagst, wohin du dich entwickeln möchtest, statt es für dich zu behalten. Du bewirbst dich, auch wenn du nicht alle Kriterien zu hundert Prozent erfüllst. Das hat nichts damit zu tun, ob du introvertiert oder extrovertiert bist. Es hat damit zu tun, ob du dir selbst erlaubst, etwas zu wollen, und das auch zu zeigen.
Sichtbar sein bedeutet nicht, laut zu sein. Es bedeutet, präsent zu sein mit dem, was du wirklich willst, kannst und vorhast.
Das Imposter-Syndrom und warum es keine Charakterschwäche ist
Wer über berufliche Weiterentwicklung und Selbstwert spricht, kommt am Imposter-Syndrom nicht vorbei. Das Gefühl, eigentlich noch nicht so weit zu sein, dass es einem irgendjemand abnehmen würde. Das Interessante daran: Es betrifft fast nie Menschen ohne Kompetenz. Es betrifft fast ausschließlich Menschen, die tatsächlich gut sind und die ihren eigenen Maßstab ständig nach oben verschieben, sobald sie ihn erreicht haben. Klingt bekannt? Ja. Weil es dasselbe Muster ist wie beim Perfektionismus. Derselbe Mechanismus. Derselbe Gedanke im Hintergrund: Ich bin noch nicht gut genug, um mich für den nächsten Schritt zu bewerben, der mir eigentlich schon zusteht. In der ACT nennen wir das kognitive Fusion mit einer Selbstbewertungsregel: „Ich darf mich nur weiterentwickeln, wenn ich wirklich unfehlbar bin." Dieser Gedanke fühlt sich wie ein Schutz an, ist aber oft das, was uns am meisten kostet.
Das Imposter-Syndrom ist nicht das Zeichen, dass du nicht gut genug bist. Es ist oft das Zeichen, dass du weißt, wie viel es noch zu lernen gibt. Das ist Stärke und keine Schwäche.
Selbstwert vs. Selbstlob, ein Unterschied, der alles verändert
Hier ist etwas, das ich immer wieder klarstellen möchte: Selbstwert ist nicht Selbstlob.
Selbstlob ist nach außen gerichtet. Es sucht Bestätigung. Es braucht jemanden, der sagt: Ja, mach das.
Selbstwert ist nach innen verankert. Er bedeutet: Ich weiß, was ich kann und was ich wert bin, unabhängig davon, ob mir gerade jemand grünes Licht gibt.
Menschen mit echtem Selbstwert warten nicht darauf, dass ihnen jemand die Erlaubnis erteilt, sich weiterzuentwickeln. Sie müssen nicht erst beweisen, dass sie bereit sind. Aber sie können, ruhig und klar, den Schritt gehen, wenn er für sie dran ist. Das ist die Qualität, die ich meine. Nicht Selbstüberschätzung, sondern Vertrauen in die eigene Substanz. Und hier ist das Entscheidende: Dieses Vertrauen entsteht nicht durch noch mehr Qualifikationen. Es entsteht in dem Moment, in dem wir unseren eigenen Gedanken nicht mehr alles glauben müssen.
Woher kommt die Scheu vor dem nächsten Schritt?
Sozialisierung. Viele Frauen sind mit Botschaften aufgewachsen, die Zurückhaltung als Tugend gerahmt haben: „Greif nicht nach Dingen, bevor du dir sicher bist." Diese Sätze sitzen tief, auch wenn sie längst nicht mehr laut ausgesprochen werden.
Erfahrungen im Arbeitsumfeld. Wer einmal erlebt hat, dass der Wunsch nach mehr abgewertet wurde, durch ein müdes Lächeln, durch den Satz „dafür ist es noch zu früh", durch eine Beförderung, die an jemand anderen ging, lernt: Klein bleiben ist sicherer. Das ist kein irrationaler Schluss. Das ist eine rationale Reaktion auf eine schlechte Erfahrung.
Der Perfektionismus-Selbstwert-Kreis. Wenn der eigene Wert davon abhängt, immer perfekt vorbereitet zu sein, ist jeder Schritt nach vorne riskant. Wer sich bewirbt, kann auch abgelehnt werden. Wer fragt, kann auch ein Nein hören. Also wartet man lieber, bis man sich hundertprozentig sicher ist. Und dieser Moment kommt nie.
Du musst dir die Erlaubnis für deinen nächsten Schritt nicht verdienen. Du hast sie bereits. Die Frage ist nur, ob du ihr traust.
Was konkret hilft, ACT-basiert und alltagstauglich
Eigene Entwicklung bewusst wahrnehmen. Nicht für andere, für dich. Was kann ich heute, das ich vor einem Jahr noch nicht konnte? Perfektionismus und Selbstwertmangel leben davon, dass das Wachstum unsichtbar bleibt. Drehe das um.
Das Qualifizieren weglassen. Beobachte, wie oft du Sätze mit „Ich weiß nicht, ob ich da überhaupt infrage komme, aber..." einleitest. Und dann lass diesen Einleitungssatz weg. Schreib die Bewerbung. Schau, was passiert.
Den Gedanken hinter dem Zögern benennen. Was sagt dir dein Kopf in dem Moment, in dem du den Laptop wieder zuklappst? „Ich bemerke, dass ich den Gedanken habe, dass ich noch nicht bereit bin." Dieser Satz schafft Abstand. Und Abstand schafft Wahl.
Den nächsten Schritt in kleinen Etappen üben. Du musst nicht morgen kündigen oder dich auf die Traumposition bewerben. Es kann beginnen mit: das Gespräch mit der Chefin für nächste Woche tatsächlich in den Kalender eintragen. Die Bewerbung abschicken, auch mit zwei Punkten, die du nicht zu hundert Prozent erfüllst. Eine Weiterbildung buchen, statt sie nur zu speichern.
Wert und Bereitschaft trennen. Dein Wert als Mensch, als zukünftige Führungskraft, als Expertin hängt NICHT davon ab, ob du schon alle Kriterien erfüllst. Das ist vielleicht der schwerste Satz dieses Artikels. Und der wichtigste.
Eine Übung für diesen Monat
Schreib heute Abend drei Dinge auf, die zeigen, dass du weiterentwickelt bist als noch vor einem Jahr. Beruflich oder privat, beides zählt. Keine Relativierungen. Kein „aber eigentlich". Einfach drei Dinge. Und dann lies sie laut vor. Für dich allein. Nur um zu hören, wie es sich anfühlt, die eigene Entwicklung klar auszusprechen, ohne Entschuldigung. Das ist der Anfang von Selbstwert, der von innen kommt. Und der nicht mehr davon abhängt, dass dir jemand die Erlaubnis gibt.
Im nächsten Monat: Entscheidungen treffen ohne wochenlange Bauchschmerzen, und warum Entscheidungslähmung fast immer mit dem zu tun hat, was wir diesen Monat besprochen haben.
💌 In meinen Mindnotes diesen Monat: Der Selbstwert-Check, fünf Fragen, die zeigen, wo du wirklich stehst. Nur für Newsletter-Abonnentinnen. Melde dich an.
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